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<re:tracing:the feminist art program> ist aus der Beschäftigung mit feministischer Kunst der 70er Jahre in Los Angeles entstanden. Im folgenden werde ich auf mein Interesse am Thema eingehen und die Briefe der ehemaligen Studentinnen des Feminist Art Program vorstellen, ohne jedoch die einzelnen Statements zu besprechen. Ich möchte eine solche Beurteilung von Positionen vermeiden und halte es für wichtiger, das hier veröffentlichte Material als Ansatzpunkt für weitere Auseinandersetzungen zu betrachten.
    Das Feminist Art Program wurde 1970 von Judy Chicago in Fresno, Kalifornien, gegründet. Ein Jahr später übersiedelte das Programm nach CalArts im Norden von Los Angeles und Miriam Schapiro wurde Co-Direktorin. Schon damals war der Frauenanteil unter den Studentinnen an Kunsthochschulen hoch, während kaum Frauen nach dem Studium professionell als Künstlerinnen tätig waren. Gründe dafür sahen die Programmleiterinnen nicht nur in der auf Männerkünstler ausgerichteten Ausbildung sondern im patriarchalen Kunstsystem überhaupt. Deshalb war es von Anfang an ein Anliegen, eine frauenspezifische Kunstausbildung und gleichzeitig einen alternativen Kontext für die Kunst von Frauen zu schaffen.
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Im Feminist Art Program formulierten die Studentinnen durch Consciousness-Raising die Gemeinsamkeiten ihrer vermeintlich individuellen Erfahrungen und machten sie zur Grundlage ihrer künstlerischen Arbeiten. Zu den bis heute immer wieder besprochenen Projekten des Feminist Art Program gehört Womanhouse von 1972, eine Ausstellung in einem Wohnhaus in Hollywood. Die interne Kritik an den autoritären Strukturen und am radikalen Separatismus sowie Unstimmigkeiten mit Miriam Schapiro führten dazu, daß Judy Chicago das Feminist Art Program 1973 in der Überzeugung verließ, daß die patriarchale Umgebung in CalArts "ihr" Programm ruiniert hätte.(1) Zwei Jahre später wurde das Feminist Art Program aufgelöst. Die Geschichte des Programms und die Verschiebungen im Lauf seines Bestehens sind unter anderem in Texten von Mira Schor, Faith Wilding und Judy Chicago dokumentiert.(2)
    Auf die aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund aktueller theoretischer Auseinandersetzung oft naheliegende Kritik am Feminismus der 70er Jahre werde mich im folgenden nur insofern beziehen, als es für mein Interesse am Feminist Art Program und für das Zustandekommen von <re:tracing> wesentlich war.

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Meine ursprünglich eher skeptische Haltung gegenüber feministischer (Selbst)Erfahrungskunst, die auch Mira Schor in ihrem Brief anspricht, basierte auf einer Abgrenzung gegenüber Vorstellungen universeller Weiblichkeit, die ich mit heutigen essentialistischen Populärfeminismen verband.
    Ähnlich ablehnend reagierte ich, wenn ich "als Frau und Künstlerin" um meine Meinung, etwa zu Menstruationsbildern, gefragt wurde, da sich mir der Bezug auf "Eigenschaften von Frauen" als Identifikationszwang präsentierte. Inwiefern solche Konstruktionen im historischen Kontext der 70er Jahre eine wichtige Strategie und Grundlage für Bündnispolitik waren, wurde mir erst später klar.
    Was ich über das Feminist Art Program las, war der verstaubten, theoriefeindlichen und geniegläubigen Atmosphäre, in der ich an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studiert hatte, entgegengesetzt: eine Gruppe von Frauen hatte sich an einer Kunsthochschule zusammengeschlossen, setzte dem Mythos des einsamen Künstlers in seinem Atelier die Arbeit im Kollektiv entgegen, beschäftigte sich in einer Umgebung radikaler Bewußtseinsbildung mit feministischer Theorie und entwickelte neue Praxisformen.
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Die Auseinandersetzung stand in unmittelbarem Zusammenhang mit der politischen Frauenbewegung und war gleichzeitig eine aktive Kritik an gängigen Normen in der Kunst: der Universalitätsanspruch des Modernismus wurde durch die Sichtweisen von Frauen, durch feministische Inhalte und bisher kunstfremde Materialien und Techniken bloßgestellt.
    Meine Recherchen rückten die Auseinandersetzung mit dem Berufsziel "Künstlerin" und mit in diesem Rahmen möglichen Lebensentwürfen in den Vordergrund. Das Feminist Art Program und die Arbeiten der Studentinnen haben zwar ihren Platz in einem Kanon feministischer Kunstgeschichtsschreibung gefunden und wurden in den letzten Jahren immer wieder in Ausstellungen gezeigt.(3)
    Über die Jahre nach dem Kunsthochschulabschluß und eine mögliche aktuelle Kunstproduktion der Absolventinnen war aber in solchen Zusammenhängen nichts in Erfahrung zu bringen. Es sah so aus, als ob die beiden Programmleiterinnen, die sich in der männerdominierten US-amerikanischen Kunstwelt der 60er Jahre etabliert hatten und auf deren Erfahrungen die Konzeption des Feminist Art Program beruhte, dieses für sich verbucht hätten. Keine der Studentinnen hat als Künstlerin ihren Bekanntheitsgrad erreicht.
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Es stimmt, daß Kriterien wie "Erfolg" oder "Karriere" hier zweifelhaft sind, wo doch eine Kritik an bestehenden patriarchalen Institutionen und Normen dazu führte, daß alternative Strukuren aufgebaut wurden. Spätestens in den 80er Jahren lösten sich viele dieser selbstorganisierten Galerien, Verlage, Zeitschriften, Arbeits- und Diskussionszusammenhänge auf, was zwangsläufig zu Neuorientierungen der beteiligten Personen führen mußte. Außerdem erschien mir die Verbindung des Feminist Art Program zu einer progressiven High-Art Institution, wie sie CalArts in den frühen Jahren sicher war, spannend.(4)
    Ein wichtiges Anliegen des Feminist Art Program war die Suche nach positiven Vorbildern, nach Frauen, die es geschafft hatten. Das Projekt "Letters to A Young Woman Artist" ist 1974 entstanden: Künstlerinnen, Kunsthistorikerinnen, Galeristinnen, Kuratorinnen und Kritikerinnen waren eingeladen, über ihre Erfahrungen zu schreiben und jüngeren Frauen Ratschläge zu geben.(5).
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Für <re:tracing> erschienen mir Briefe vor einem anderen Hintergrund als geeignete Form: Ich wollte Personen, die mit einer bestimmten kunsthistorischen Position gleichgesetzt werden, eine Präsenz über diesen kleinen Auschnitt ihrer Biografie geben. Die 70er Jahre liegen auch nur 25 Jahre zurück, und nachdem das zur Verfügung stehende Material meine Fragen nicht beantwortete, war es naheliegend, die Frauen selbst zu kontaktieren.
    Mein Brief an die ehemaligen Studentinnen des Feminist Art Program war kurz und unpersönlicher als viele der Antworten. Da ich möglichst wenige Vorgaben machen wollte und keine konkreten Vorstellungen von meinem Gegenüber hatte, war er sehr offen formuliert: Ich fragte die Frauen nach dem Einfluß der Gruppenerfahrung und der politischen Ideen auf ihre Biografie und danach, ob sie sich weiterhin in der "Kunstwelt" bewegten bzw. warum sie diese verlassen hatten.(6)
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Offensichtlich war das Feminist Art Program keine gute Basis für eine traditionelle Künstlerinnenkarriere, obwohl in einigen Briefen der Wunsch danach durchaus anklingt und nur wenige Frauen Vorstellungen von "Erfolg" grundsätzlich hinterfragen. Karen LeCocq schreibt sogar, daß sie jahrelang das Feminist Art Program aus ihrem Lebenslauf nahm, da es ihr bei Galerien und Bewerbungen nur Schwierigkeiten einbrachte. Immer wieder wird die eigene Rolle in der Kunstgeschichte hervorgehoben, gleichzeitig aber festgestellt, daß die Künstlerinnen der 70er Jahre als Wegbereiterinnen, z.B. für die individuellen Karrieren von Künstlerinnen und Künstlern, die in den 80er Jahren mit ähnlichen Inhalten und Methoden zu internationalen "Superstars" wurden, nicht präsent sind.(7)
    Ich hatte gehofft, in den Briefen mehr über aktuelle Auseinandersetzungen und die Veränderung feministischer Strategien zu erfahren. Obwohl auffallend viele der Briefeschreiberinnen immer noch künstlerisch tätig sind, gibt es neben den professionellen Künstlerinnen einige, die die eigene Kunstproduktion als rekreativen Bereich beschreiben.
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Manche Schilderungen klingen dann beinahe so, als ob die Arbeiten formal die "Frauenkunst" der 70er weiterführten, ihren politischen Gehalt aber durch das Ende der Bewegung und einen Rückzug ins Persönliche eingebüßt hätten. Auch die grundsätzlich immer noch feministische Einstellung erschöpft sich bei vielen Frauen mit der Feststellung, daß sie im Feminist Art Program gelernt hätten, daß Frauen und Männer gleichwertig sind und in Aussagen der Kategorie "Frauen haben es schwerer als Männer". Das liegt aber sicher auch an der unklaren Fragestellung und dem Fehlen eines konkreten Diskussionsgegenstandes. Umgekehrt sind es nämlich Faith Wilding und Mira Schor, die als Künstlerinnen und Lehrerinnen einen hohen Vermittlungsanspruch haben und ihre momentane Umgebung auf die Frage nach der Politisierung im Feminist Art Program beziehen können, die sich sehr wohl mit Fragen nach Handlungsfähigkeit auseinandersetzen
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Die Briefe eröffnen den Austausch mit feministisch engagierten Frauen einer anderen Generation als Möglichkeit, über eigene Positionen und deren Referenzen nachzudenken. Das gleiche gilt für das Leben nach der Kunsthochschule, für biografische Entscheidungen und Ängste, die auch unter anderen Rahmenbedingungen aktuell sind. Deswegen halte ich auch die Briefe von den Frauen, die nach dem Studium im Feminist Art Program heute in anderen Berufen arbeiten, also keine Künstlerinnenbiografien haben, und deren Erzählungen üblicherweise nicht im Kunstkontext auftauchen, für wichtige Beiträge.(8)
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(1) "CalArts for me was not a success. Because I brought my program into a male-dominated institution, my young students were exposed to one set of values when they were working with me, but as soon as they left the room, they got a whole other set of messages." J.Chicago im Gespräch mit Norma Broude and Mary D. Garrand in: The Power of Feminist Art.

(2) Schor und Wilding unter anderem in: The Power of Feminist Art, Wilding in: By Our Own Hands, Chicago in: Through the Flower.

(3) Sexual Politics, Armand Hammer Museum, Los Angeles 1996 und Division of Labor. "Women's Work" in Contemporary Art, The Bronx Museum of the Arts and MOCA, 1995

(4) Die Schule war gerade gegründet worden, unter den Unterrichtenden waren Allan Kaprow und John Baldessari.

(5) Die insgesamt 71 Beiträge kamen unter anderem von Lee Krasner, Lucy Lippard, Agnes Martin, Linda Nochlin, Carolee Schneemann und Hannah Wilke und wurden in Anonymous was a Woman veröffentlicht.

(6) Nach einer kurzen Vorstellung als zur Zeit in Los Angeles arbeitende Künstlerin schrieb ich: "I would like to ask you for a letter that describes how the group experience and political ideas generated in the Feminist Art Program impacted your life. Please let me know how your life proceeded after finishing art school. How did you go on within the art world or for what reasons did you decide not to?"
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(7) Faith Wilding nennt Sue Williams, die zur Zeit des Feminist Art Program auf CalArts studierte, aber auch Cindy Sherman, Barbara Kruger oder Sherrie Levine als Künstlerinnen, die vom Feminist Art Movement profitierten, ohne selbst beteiligt gewesen zu sein. Auch Mike Kelley, der ebenfalls auf CalArts studierte, wird immer wieder genannt, beispielsweise von Karen LeCocq in ihrem Brief.

(8) Für die Online-Publikation habe ich neben den Briefen Zitate um Themen gruppiert, die von mehreren Frauen angesprochen wurden. Natürlich ist diese Auswahl auch von meinen Interessen und von den bisher geführten Diskussionen über das Projekt beeinflußt: Die Zitatgruppen sollen einen Überblick ermöglichen und nicht die Briefe ersetzen.
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Norma Broude and Mary D. Garrand (ed): The Power of Feminist Art. The American Movement of the 1970s, History and Impact. New York, 1994

Judy Chicago: Through the Flower. My Struggle as A Woman Artist. Garden City, New York, 1975

Feminist Art Program: Womanhouse. Valencia, 1972

Amelia Jones (ed): Sexual Politics. Judy Chicago's Dinner Party in Feminist Art History. University of California Press, 1996

Amelia Jones and Laura Mayer (ed): Feminist Directions 1970/1996. Robin Mitchell, Mira Schor, Faith Wilding, Nancy Youdelman. Riverside, 1996

Lucy R. Lippard: The Pink Glass Swan. Selected Feminist Essays on Art. New York, 1995

Carl E. Loeffler and Darlene Tong (ed): Performance Anthology. Source Book of California Performance Art. San Francisco, 1989
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Martha Rosler: The Private and The Public. Feminist Art in California. in: Artforum, September 1977

Miriam Schapiro/Feminist Art Program: Anonymous was a Woman. A Documentation of the Women's Art Festival. A Collection of Letters to Young Women Artists. Valencia, 1974

Mira Schor: Wet. On Painting, Feminism and Art Culture. Duke University Press, 1997

The Bronx Museum of the Arts and MOCA: Division of Labor. "Women's Work" in Contemporary Art.1995

Faith Wilding: By Our Own Hands. The Women Artist's Movement. Southern California 1970-1976. Santa Monica, 1977

Moira Roth (ed): The Amazing Decade. Women and Performance Art in America 1970-1980. Los Angeles, 1983