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<re:tracing:the feminist
art program> ist aus der Beschäftigung mit feministischer Kunst der 70er
Jahre in Los Angeles entstanden. Im folgenden werde ich auf mein Interesse am Thema
eingehen und die Briefe der ehemaligen Studentinnen des Feminist Art Program vorstellen,
ohne jedoch die einzelnen Statements zu besprechen. Ich möchte eine solche Beurteilung
von Positionen vermeiden und halte es für wichtiger, das hier veröffentlichte
Material als Ansatzpunkt für weitere Auseinandersetzungen zu betrachten.
Das Feminist Art Program wurde 1970 von Judy Chicago in Fresno,
Kalifornien, gegründet. Ein Jahr später übersiedelte das Programm
nach CalArts im Norden von Los Angeles und Miriam Schapiro wurde Co-Direktorin. Schon
damals war der Frauenanteil unter den Studentinnen an Kunsthochschulen hoch, während
kaum Frauen nach dem Studium professionell als Künstlerinnen tätig waren.
Gründe dafür sahen die Programmleiterinnen nicht nur in der auf Männerkünstler
ausgerichteten Ausbildung sondern im patriarchalen Kunstsystem überhaupt. Deshalb
war es von Anfang an ein Anliegen, eine frauenspezifische Kunstausbildung und gleichzeitig
einen alternativen Kontext für die Kunst von Frauen zu schaffen. |
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Meine ursprünglich
eher skeptische Haltung gegenüber feministischer (Selbst)Erfahrungskunst, die
auch Mira Schor in ihrem Brief anspricht, basierte auf einer Abgrenzung gegenüber
Vorstellungen universeller Weiblichkeit, die ich mit heutigen essentialistischen
Populärfeminismen verband.
Ähnlich ablehnend reagierte ich, wenn ich "als
Frau und Künstlerin" um meine Meinung, etwa zu Menstruationsbildern, gefragt
wurde, da sich mir der Bezug auf "Eigenschaften von Frauen" als Identifikationszwang
präsentierte. Inwiefern solche Konstruktionen im historischen Kontext der 70er
Jahre eine wichtige Strategie und Grundlage für Bündnispolitik waren, wurde
mir erst später klar.
Was ich über das Feminist Art Program las, war der verstaubten,
theoriefeindlichen und geniegläubigen Atmosphäre, in der ich an der Akademie
der Bildenden Künste in Wien studiert hatte, entgegengesetzt: eine Gruppe von
Frauen hatte sich an einer Kunsthochschule zusammengeschlossen, setzte dem Mythos
des einsamen Künstlers in seinem Atelier die Arbeit im Kollektiv entgegen, beschäftigte
sich in einer Umgebung radikaler Bewußtseinsbildung mit feministischer Theorie
und entwickelte neue Praxisformen. |
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Die Auseinandersetzung stand
in unmittelbarem Zusammenhang mit der politischen Frauenbewegung und war gleichzeitig
eine aktive Kritik an gängigen Normen in der Kunst: der Universalitätsanspruch
des Modernismus wurde durch die Sichtweisen von Frauen, durch feministische Inhalte
und bisher kunstfremde Materialien und Techniken bloßgestellt.
Meine Recherchen rückten die Auseinandersetzung mit
dem Berufsziel "Künstlerin" und mit in diesem Rahmen möglichen
Lebensentwürfen in den Vordergrund. Das Feminist Art Program und die Arbeiten
der Studentinnen haben zwar ihren Platz in einem Kanon feministischer Kunstgeschichtsschreibung
gefunden und wurden in den letzten Jahren immer wieder in Ausstellungen gezeigt.(3)
Über die Jahre nach dem Kunsthochschulabschluß
und eine mögliche aktuelle Kunstproduktion der Absolventinnen war aber in solchen
Zusammenhängen nichts in Erfahrung zu bringen. Es sah so aus, als ob die beiden
Programmleiterinnen, die sich in der männerdominierten US-amerikanischen Kunstwelt
der 60er Jahre etabliert hatten und auf deren Erfahrungen die Konzeption des Feminist
Art Program beruhte, dieses für sich verbucht hätten. Keine der Studentinnen
hat als Künstlerin ihren Bekanntheitsgrad erreicht. |
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Es stimmt, daß Kriterien
wie "Erfolg" oder "Karriere" hier zweifelhaft sind, wo doch eine
Kritik an bestehenden patriarchalen Institutionen und Normen dazu führte, daß
alternative Strukuren aufgebaut wurden. Spätestens in den 80er Jahren lösten
sich viele dieser selbstorganisierten Galerien, Verlage, Zeitschriften, Arbeits-
und Diskussionszusammenhänge auf, was zwangsläufig zu Neuorientierungen
der beteiligten Personen führen mußte. Außerdem erschien mir die
Verbindung des Feminist Art Program zu einer progressiven High-Art Institution, wie
sie CalArts in den frühen Jahren sicher war, spannend.(4)
Ein wichtiges Anliegen des Feminist Art Program war die Suche
nach positiven Vorbildern, nach Frauen, die es geschafft hatten. Das Projekt "Letters
to A Young Woman Artist" ist 1974 entstanden: Künstlerinnen, Kunsthistorikerinnen,
Galeristinnen, Kuratorinnen und Kritikerinnen waren eingeladen, über ihre Erfahrungen
zu schreiben und jüngeren Frauen Ratschläge zu geben.(5). |
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Für <re:tracing>
erschienen mir Briefe vor einem anderen Hintergrund als geeignete Form: Ich wollte
Personen, die mit einer bestimmten kunsthistorischen Position gleichgesetzt werden,
eine Präsenz über diesen kleinen Auschnitt ihrer Biografie geben. Die 70er
Jahre liegen auch nur 25 Jahre zurück, und nachdem das zur Verfügung stehende
Material meine Fragen nicht beantwortete, war es naheliegend, die Frauen selbst zu
kontaktieren.
Mein Brief an die ehemaligen Studentinnen des Feminist Art
Program war kurz und unpersönlicher als viele der Antworten. Da ich möglichst
wenige Vorgaben machen wollte und keine konkreten Vorstellungen von meinem Gegenüber
hatte, war er sehr offen formuliert: Ich fragte die Frauen nach dem Einfluß
der Gruppenerfahrung und der politischen Ideen auf ihre Biografie und danach, ob
sie sich weiterhin in der "Kunstwelt" bewegten bzw. warum sie diese verlassen
hatten.(6) |
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Offensichtlich war das Feminist
Art Program keine gute Basis für eine traditionelle Künstlerinnenkarriere,
obwohl in einigen Briefen der Wunsch danach durchaus anklingt und nur wenige Frauen
Vorstellungen von "Erfolg" grundsätzlich hinterfragen. Karen LeCocq
schreibt sogar, daß sie jahrelang das Feminist Art Program aus ihrem Lebenslauf
nahm, da es ihr bei Galerien und Bewerbungen nur Schwierigkeiten einbrachte. Immer
wieder wird die eigene Rolle in der Kunstgeschichte hervorgehoben, gleichzeitig aber
festgestellt, daß die Künstlerinnen der 70er Jahre als Wegbereiterinnen,
z.B. für die individuellen Karrieren von Künstlerinnen und Künstlern,
die in den 80er Jahren mit ähnlichen Inhalten und Methoden zu internationalen
"Superstars" wurden, nicht präsent sind.(7)
Ich hatte gehofft, in den Briefen mehr über aktuelle
Auseinandersetzungen und die Veränderung feministischer Strategien zu erfahren.
Obwohl auffallend viele der Briefeschreiberinnen immer noch künstlerisch tätig
sind, gibt es neben den professionellen Künstlerinnen einige, die die eigene
Kunstproduktion als rekreativen Bereich beschreiben. |
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Manche Schilderungen klingen
dann beinahe so, als ob die Arbeiten formal die "Frauenkunst" der 70er
weiterführten, ihren politischen Gehalt aber durch das Ende der Bewegung und
einen Rückzug ins Persönliche eingebüßt hätten. Auch die
grundsätzlich immer noch feministische Einstellung erschöpft sich bei vielen
Frauen mit der Feststellung, daß sie im Feminist Art Program gelernt hätten,
daß Frauen und Männer gleichwertig sind und in Aussagen der Kategorie
"Frauen haben es schwerer als Männer". Das liegt aber sicher auch
an der unklaren Fragestellung und dem Fehlen eines konkreten Diskussionsgegenstandes.
Umgekehrt sind es nämlich Faith Wilding und Mira Schor, die als Künstlerinnen
und Lehrerinnen einen hohen Vermittlungsanspruch haben und ihre momentane Umgebung
auf die Frage nach der Politisierung im Feminist Art Program beziehen können,
die sich sehr wohl mit Fragen nach Handlungsfähigkeit auseinandersetzen |
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Die Briefe eröffnen
den Austausch mit feministisch engagierten Frauen einer anderen Generation als Möglichkeit,
über eigene Positionen und deren Referenzen nachzudenken. Das gleiche gilt für
das Leben nach der Kunsthochschule, für biografische Entscheidungen und Ängste,
die auch unter anderen Rahmenbedingungen aktuell sind. Deswegen halte ich auch die
Briefe von den Frauen, die nach dem Studium im Feminist Art Program heute in anderen
Berufen arbeiten, also keine Künstlerinnenbiografien haben, und deren Erzählungen
üblicherweise nicht im Kunstkontext auftauchen, für wichtige Beiträge.(8) |
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(1) "CalArts for me
was not a success. Because I brought my program into a male-dominated institution,
my young students were exposed to one set of values when they were working with me,
but as soon as they left the room, they got a whole other set of messages."
J.Chicago im Gespräch mit Norma Broude and Mary D. Garrand in: The Power of
Feminist Art.
(2) Schor und Wilding unter anderem in: The Power of Feminist Art, Wilding in: By
Our Own Hands, Chicago in: Through the Flower.
(3) Sexual Politics, Armand Hammer Museum, Los Angeles 1996 und Division of Labor.
"Women's Work" in Contemporary Art, The Bronx Museum of the Arts and MOCA,
1995
(4) Die Schule war gerade gegründet worden, unter den Unterrichtenden waren
Allan Kaprow und John Baldessari.
(5) Die insgesamt 71 Beiträge kamen unter anderem von Lee Krasner, Lucy Lippard,
Agnes Martin, Linda Nochlin, Carolee Schneemann und Hannah Wilke und wurden in Anonymous
was a Woman veröffentlicht.
(6) Nach einer kurzen Vorstellung als zur Zeit in Los Angeles arbeitende Künstlerin
schrieb ich: "I would like to ask you for a letter that describes how the group
experience and political ideas generated in the Feminist Art Program impacted your
life. Please let me know how your life proceeded after finishing art school. How
did you go on within the art world or for what reasons did you decide not to?" |
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(7) Faith Wilding nennt
Sue Williams, die zur Zeit des Feminist Art Program auf CalArts studierte, aber auch
Cindy Sherman, Barbara Kruger oder Sherrie Levine als Künstlerinnen, die vom
Feminist Art Movement profitierten, ohne selbst beteiligt gewesen zu sein. Auch Mike
Kelley, der ebenfalls auf CalArts studierte, wird immer wieder genannt, beispielsweise
von Karen LeCocq in ihrem Brief.
(8) Für die Online-Publikation habe ich neben den Briefen Zitate um Themen gruppiert,
die von mehreren Frauen angesprochen wurden. Natürlich ist diese Auswahl auch
von meinen Interessen und von den bisher geführten Diskussionen über das
Projekt beeinflußt: Die Zitatgruppen sollen einen Überblick ermöglichen
und nicht die Briefe ersetzen. |
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Norma Broude and Mary D.
Garrand (ed): The Power of Feminist Art. The American Movement of the 1970s, History
and Impact. New York, 1994
Judy Chicago: Through the Flower. My Struggle as A Woman Artist. Garden City, New
York, 1975
Feminist Art Program: Womanhouse. Valencia, 1972
Amelia Jones (ed): Sexual Politics. Judy Chicago's Dinner Party in Feminist Art History.
University of California Press, 1996
Amelia Jones and Laura Mayer (ed): Feminist Directions 1970/1996. Robin Mitchell,
Mira Schor, Faith Wilding, Nancy Youdelman. Riverside, 1996
Lucy R. Lippard: The Pink Glass Swan. Selected Feminist Essays on Art. New York,
1995
Carl E. Loeffler and Darlene Tong (ed): Performance Anthology. Source Book of California
Performance Art. San Francisco, 1989 |
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Martha Rosler: The Private
and The Public. Feminist Art in California. in: Artforum, September 1977
Miriam Schapiro/Feminist Art Program: Anonymous was a Woman. A Documentation of the
Women's Art Festival. A Collection of Letters to Young Women Artists. Valencia, 1974
Mira Schor: Wet. On Painting, Feminism and Art Culture. Duke University Press, 1997
The Bronx Museum of the Arts and MOCA: Division of Labor. "Women's Work"
in Contemporary Art.1995
Faith Wilding: By Our Own Hands. The Women Artist's Movement. Southern California
1970-1976. Santa Monica, 1977
Moira Roth (ed): The Amazing Decade. Women and Performance Art in America 1970-1980.
Los Angeles, 1983 |
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